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Fotos: Alexander Mengel

Kuschelstunden für die Zicklein

Artikel von Sandra Limpert am 01.03.2018

Rhöner Züchterin besitzt einen der größten Pfauenziegen-Bestände Deutschlands

Wenn Claudia Kirse nach einem anstrengenden Arbeitstag mit Hunderten gefahrenen Autobahnkilometern in den kleinen Weiler Götzenloch in der Gemeinde Ebersburg nach Hause kommt, dann legt sie nicht etwa die Füße hoch. Stattdessen wechselt die Bezirksleiterin, die hessenweit fünf Gärtnereifachgeschäftsfilialen betreut, die Business- gegen Stallkleidung und schaut nach ihren Pfauenziegen.  

Jetzt im Frühjahr schlägt nicht nur das Aprilwetter Kapriolen. Auf der Wiese hinter dem ehemaligen Bauernhof, den Familie Kirse 2007 erworben hat, tollen ausgelassen die vor kurzem geborenen Pfauenziegenlämmer umher, spielen Fangen, klettern übermütig auf Steine und machen Sprünge, dass einem vom Zuschauen schwindelig wird.



Tatsächlich leitet sich das Wort Kapriolen vom lateinischen Begriff capra („Ziege“) ab. „Egal wie stressig der Tag war, wenn ich zu den Tieren komme, kann ich sofort entspannen. Obwohl es wirklich viel Arbeit macht, kann ich mir kein besseres Hobby als Ausgleich vorstellen“, schwärmt die Züchterin.

Sowohl die Schweiz als auch Österreich nehmen für sich in Anspruch, Ursprungsland dieser schwarz-weißen Edelziege zu sein. „Vermutlich war sie einst im gesamten Alpenraum weiter verbreitet als ihre heutige Seltenheit vermuten lässt. Für mich ist wichtig, dass sich diese robuste Rasse auch in der Rhön wohl fühlt“, betont Claudia Kirse. Dabei wäre die Pfauenziege im Zuge der 1938 in der Schweiz durchgeführten Rassebereinigung beinahe ausgestorben: Da ihre Milchleistung mit 500 Kilogramm pro Jahr nicht überragend hoch ist, sollte sie als ineffizient ausgemerzt werden. Ihr Überleben verdankt sie dem Umstand, dass sie nicht als eigenständige Rasse anerkannt war, sondern fälschlicherweise für eine Farbvariante der zur Zucht empfohlenen Graubündner Strahlenziege gehalten wurde. So blieben immerhin einige wenige Zuchtgruppen erhalten. Erst seit knapp 30 Jahren setzen sich die Schweiz und Österreich verstärkt für den Erhalt der Pfauenziege ein.

Claudia Kirse besitzt laut Herdbuch des Hessischen Ziegenzuchtverbands mit etwa 35 Tieren einen der landesweit größten Bestände, der zudem nachweislich frei von Ziegenkrankheiten wie CAE und Pseudo TB ist. Auch mit der Größe ihrer Tiere kann sie sich sehen lassen; mindestens 60 Kilogramm soll eine Geiß ausgewachsen wiegen, 85 Kilogramm ein Bock. „Ich hatte schon Geißen mit einem Gewicht von 80 und Böcke mit 110 Kilogramm“, sagt die stolze Züchterin. Trotzdem landen bloß selten Böcke beim Schlachter. Die meisten Tiere werden verkauft, „aber nur in gute Hände“.

Während die Zicklein wie wild über die Wiese toben, bewegen sich die älteren Geißen graziös, posieren ab und zu auf einem Stein wie auf einer Bühne und schauen erhobenen Hauptes in die Runde. Der scheinbar an den Vogel Pfau angelehnte Name wirkt passend für die gehörnte, stattliche Edelziege, vor allem, wenn man die sechs Böcke betrachtet, die ab Mai auf ihrer eigenen „Kumpelsweide“ stehen. Der Älteste heißt Ben. Seine Hörner sind schwungvoll gebogen, beinahe einen Meter lang und stünden auch einem Steinbock gut zu Gesicht. Tatsächlich jedoch hat die Bezeichnung „Pfauenziege“ nichts mit dem prachtvoll gefiederten Vogel zu tun, sondern leitet sich von „pfaven“ ab, einem rätoromanischen Ausdruck für „gefleckt“. Dieser wiederum bezieht sich auf die typische Fellzeichnung mit den schwarzen Streifen, die vom Hornansatz über die Augen bis zur Nase reichen, sowie den hellen Nierenfleck an der dunklen Flanke. Ansonsten ist die vordere Körperhälfte hell und die hintere dunkel behaart.

Nicht allein die Schönheit der Pfauenziegen war es, die Claudia Kirse angesprochen hat: „Als ich mich während meines Landschaftspflegestudiums in Höxter immer wieder mal um die Ziegenherde meines Professors gekümmert habe, habe ich mich in den Charakter seiner beiden Pfauenziegen verliebt“, erinnert sich die 44-Jährige. Die Gebirgsziege hätte früher auf den Almen nicht in großen Herden, sondern als Haustier eng mit der Bauernfamilie zusammengelebt. Deshalb sei sie noch heute sehr menschenbezogen. „Sie orientiert sich fast wie ein Hund daran, was ‚ihr Mensch‘ gerade macht.“

So gehört für Claudia Kirse eine Stunde Kuscheln mit den Gitzi zum Tagesprogramm. Wenn die Lammzeit ansteht, nimmt sich die Geschäftsfrau extra Urlaub. „Es kann ja immer mal Komplikationen geben; deswegen versuche ich, bei den Geburten dabei zu sein“, erklärt sie. Felicitas kam als Frühchen überraschend zur Welt und lag am Morgen leicht unterkühlt im Stall. „Da hat sich mein Sohn Lukas mit Decken in einen Sessel gesetzt und die Kleine einen ganzen Tag lang gewärmt.“ Kein Wunder, dass die mittlerweile zweijährige Geiß besonders anschmiegsam ist.

2009 startete die aus einem Dorf bei Wuppertal stammende Wahl-Rhönerin die Zucht mit den Geißen Nina und Helena. Beide Damen sind nach wie vor Mitglieder der Herde, zu der mittlerweile auch einige ihrer Enkel und Urenkel gehören. Helena, liebevoll „Leni“ genannt, besetzt aufgrund ihres geduldigen und ausgleichenden Wesens sowie ihrer Klugheit die Position der Leitgeiß. „Ein strenger Blick von ihr reicht aus, um zwei sich zu heftig streitende Zicklein zur Vernunft zu bringen“, schildert die Züchterin.

Wegen ihrer Cleverness seien Pfauenziegen früher als Zirkustiere beliebt gewesen .Auch Claudia Kirse hatte für die 1000-Jahr-Feier des Ebersburger Dorfes Schmalnau dem Bock Finn beigebracht, ein Wägelchen zu ziehen. Doch am besten lassen sich Pfauenziegen auf einem anderen Gebiet einsetzen: in der Landschaftspflege. Zahlreiche durch Weidewirtschaft entstandene Biotope in der Rhön drohen zu verbuschen. Um den Offenlandcharakter dieser Flächen und damit ihre Artenvielfalt zu bewahren, sind Pfauenziegen geradezu prädestiniert. Sie gelangen mühelos in dornige und unzugängliche Ecken; anders als ihr grasender Kollege, das Rhönschaf, fressen Ziegen neben Gras und Kräutern zudem Zwergsträucher und Laubgehölze.

Auch in der Farbe ihrer Beine unterscheiden sie sich vom Rhöner Maskottchen: Pfauenziegen springen in schwarzen Stiefeln über die Wiese. Die studierte Landschaftspflegerin Claudia Kirse schlüpft unterdessen am nächsten Morgen statt in Gummistiefel wieder in ihre schicken Schuhe.

Claudia Kirse
Götzenloch 3
36157 Ebersburg
www.rhoen-pfauenziege.de

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