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Fotos: Alexander Mengel

Rhöner Barock

Artikel von Heike Reddig am 01.03.2018

Von Zella war selbst Goethe beeindruckt

„Von Barchfeld ritt ich auf die Probstey Zelle, wo ich mich hatte beym Probst anmelden lassen, um einmal fremde Menschen sehen und von fremden Verhältnissen reden zu hören.“ In einem Brief an Charlotte von Stein schilderte Johann Wolfgang von Goethe seinen Besuch vom 9. April 1782. Mehr als zwei Jahrhunderte später queren wir auf unserem Weg nach Zella die ehemalige innerdeutsche Grenze und finden uns keine Viertelstunde später auf der Hauptstraße in Zella wieder. Sie heißt – wie könnte es anders sein – Goethestraße.  



Propst Heinrich von Warnsdorf begrüßte seinen hohen Gast, damals Kriegs- und Wegebaukommissar in Weimar, im Festsaal des Propsteischlosses. Der Dichterfürst war beeindruckt von den schönen Deckengemälden, die der Fuldaer Hofmaler Johann Karl Emanuel Wohlhaupter (1683–1756) geschaffen hatte. Das Prunkstück der Propstei ist übrigens mit Unterstützung des rührigen Fördervereins gerade erst aufwändig restauriert worden. Die Mitglieder hatten für ihre Spendensammlung im Juni 2015 zur längsten Kaffeetafel der Rhön eingeladen. An der spiralförmig im Propsteihof aufgebauten, 250 Meter langen Tafel nahmen 700 Gäste Platz – ein großartiger Erfolg, wenn man sich vor Augen führt, dass ganz Zella nur wenig mehr als 400 Einwohner zählt.

Bis zur Säkularisation im Jahr 1802 war Zella eine Fuldaer Propstei. Propst Adolph von Dalberg errichtete das schlossartige Propsteigebäude ab 1718 von Grund auf neu. Die zeitgleich nach Plänen des Italieners Andrea Gallasini aus rotem Sandstein erbaute Propsteikirche Mariä Himmelfahrt ist heute eines der bedeutendsten Bauwerke des Rhöner Barock. Über dem Hauptportal befindet sich das Wappen des Erbauers Adolph von Dalberg – sechs Lilien und das Kreuz von Fulda. Eine vorzügliche Schnitzarbeit, die „Grablegung Christi“ um 1500 aus der Riemenschneider- Schule, stammt noch aus der vorherigen Klosterkirche. Dieser Schatz ist der nachvollziehbare Grund, warum Busse voller Ausflügler die Kirche betreten, der private Besucher aber per Telefon um die Öffnung der Kirche bitten muss.

Kirche und Propsteischloss verdankt Zella seinen Beinamen Barockdorf. In der Propstei Zella befinden sich die Thüringische Verwaltungsstelle des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön, die Tourist-Information, ein Heimatmuseum und ein Kindergarten. Eine Multivisionsschau (auf Deutsch und Englisch) vermittelt, wie aus einem Nonnenkloster der Sitz der Thüringer Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön wurde. Im Hof des Schlosses lässt es sich bei schönem Wetter neben der großen Linde gemütlich verweilen.

Einen Besuch abstatten sollte man unbedingt dem mit Liebe gepflegten, idyllischen Klostergarten der Propstei. Hier genießt man den herrlichen Blick auf die umgebende Landschaft und das Bergdörfchen Föhlritz am steilen Hang unterhalb des Gläserbergs. Oder man kann bei Sonnenschein die Seele baumeln lassen: Blumen, Pflanzen – darunter auch viele Heilkräuter – und Gemüse drängen sich hier dicht an dicht. Alte Küchengegenstände wurden bepflanzt oder fügen sich dekorativ in die wildromantische Szenerie ein. Immer wieder lugen Schiefertafeln mit Informationen und Anwendungshinweisen zur Pflanze hervor. Blickfang sind auch die Sinnsprüche, die hier und da zum Schmunzeln oder Nachdenken anregen. Ein Insektenhotel und sogar eine Mariengrotte wurden angelegt. Und selbstverständlich hat auch der Herr Geheimrat sein Plätzchen gefunden …

Hinter den Mauern des Klostergartens beginnt ein Streuobstwiesen-Lehrpfad und nur wenige Meter unterhalb der Propstei lockt der 1,8 Kilometer lange Fledermauspfad (Kinderwagen- und Rollstuhl-tauglich) ins benachbarte Fledermausdorf Neidhartshausen, wo auf dem Dachboden der 1722 erbauten Kirche mitunter bis zu 700 Mausohren ihre Wochenstube haben.

Hiergeblieben! Sie haben Adolph von Dalberg noch nicht Ihre Aufwartung gemacht. In Lebensgröße aus festem Eichenholz geschnitzt blickt er vom Dorfplatz zufrieden ins Feldatal und bietet mit Propsteischloss und Kirche im Hintergrund das perfekte Fotomotiv. Der Fuldaer Fürstabt ist eine von drei Skulpturen des Projektes „Rhöner – Land – Skulpturen … Holzkunst, Wandern und mehr“ in Zella. Die beiden anderen – „Dreiklang“ und „Komposition“ – stehen an Propstei und Kirche. Sie würdigen das Musikdorf Zella: Hier findet man nämlich nicht nur zwei Musikschulen, die fest im kulturellen Leben verankert sind, sondern auch ein Musikhaus mit eigener Reparaturwerkstatt.

Auch das Holzschnitzerdorf Empfertshausen und das Natur- und Wanderdorf Klings sind stolz auf ihre traditionellen oder zeitgenössischen Holzskulpturen. Als Verbindung zwischen den drei Orten fungieren die „Rhöner Holzkunst- Routen“: Verschiedene Wanderstrecken, die die zehn außergewöhnlichen Skulpturen zu den Themen der drei Dörfer und diverse „Rhöner Spruchtafeln“ über Eigenarten der Region miteinander verbinden.

Ähnliche Skulpturen säumen übrigens auch den Weg hoch zum nahen Hotel Restaurant Katzenstein: Eule, Wildschwein, Schaf, Schäfer, Bauer, Liebespaar, Edelfrau und natürlich eine Katze sind die Ergebnisse der im Jahr 2002 dort initiierten Kunstmeile. Rund um das Gebäude mit der wechselvollen Geschichte findet man einen Baumlehrpfad und seit letztem Jahr auch einen Barfußpfad. Stolz ist man am Katzenstein zudem auf den umfangreichen Kräutergarten, der auch vom eigenen Koch gern genutzt wird.

Von Zella aus erreicht man das 167 Meter höher gelegene Restaurant mit seiner großen Sonnenterrasse in 45 Minuten zu Fuß – oder in 5 Minuten mit dem Auto. Eine gute Adresse für ein zünftiges Mittagessen ist auch das gemütliche Gasthaus „Zum Hobbywirt“ im Bergdörfchen Föhlritz. Angesichts der 185 Höhenmeter wird man bei gleicher Entfernung jedoch wahrscheinlich eher zum Auto tendieren. Oder man macht es dem Dichterfürsten nach und erkundet die herrliche Auersberger Kuppenrhön hoch zu Ross.

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