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Fotos: Alexander Mengel

Ein schiefer Turm und „Klein-Venedig“

Artikel von Sandra Limpert am 21.11.2017

Rasdorf reizt mit vielen Sehenswürdigkeiten, hessischen Superlativen und einer „Tour de Destille“

Eigentlich sagt es ja bereits der Name: Bei Rasdorf handelt es sich nicht um eine Stadt, auch wenn die Superlative, die das Dorf zwischen Hessischem Kegelspiel und Ulsteraue zu bieten hat, dies vielleicht suggerieren.

Bedeutsam war der Ort, der im Mittelalter an der Via Regia – also an der wichtigen Handelsstraße von Frankfurt über Eisenach nach Leipzig – lag, seit jeher: In dem Nebenkloster Rasdorf des Klosters Fulda ließ Abt Rabanus Maurus 831 die Stiftskirche errichten, die 1274 unter Beibehaltung des Grundrisses und der Verwendung alter romanischer Bauteile umgebaut wurde. Heute gilt sie als eine der architektonisch bedeutsamsten Dorfbasiliken in Hessen.

Der Dorfplatz ist mit seinen Maßen von 170 mal 75 Metern der größte Anger Hessens. Doch damit nicht genug: Zu den Besonderheiten gesellt sich außerdem ein um 1200 angelegter Wehrfriedhof, der die besterhaltene Anlage dieser Art in Hessen darstellt.



Wem diese Fakten zu trocken sind, der kann das 1.300 Einwohner zählende Dorf in der Kuppenrhön an der hessisch-thüringischen Grenze feuchtfröhlich erkunden: bei einer Schnapstour. Diese besondere Stadt- ... ähm, Verzeihung, Dorfführung haben die Rasdorferinnen Marie-Luise van Thiel und Ursula Veltum konzipiert. „Bei verschiedenen Sehenswürdigkeiten gibt es eine thematisch dazu passende Spirituose. Umrahmt wird die Tour de Destille von je einem ‚Rasdorfer‘“, erklären die beiden. Der „Rasdorfer“ ist ein Kräuterlikör aus der Region, dessen Originalrezept aus dem Franziskanerkloster Fulda stammt, und den die Schlitzer Destillerie in eigens etikettierte Flaschen füllt.

Vorneweg: Rasdorf mit seinen bedeutenden Baudenkmälern und feingearbeiteten Fachwerkhäusern braucht man sich nicht „schöntrinken“. Aber wenn Luise van Thiel oder Ursula Veltum am Anger von dessen bewegter Geschichte erzählen, regt der heimische Kirschbrand die Vorstellungskraft an: Was alles hat sich wohl auf der heute als kostenlosem Parkplatz genutzten Fläche durch die Jahrhunderte zugetragen? Ursprünglich war sie Gemeindeweide, dann Klosterhof, dessen Atrium allen Schutzsuchenden offen stand; im späteren Mittelalter herrschte reges Treiben, wenn Kaufleute nach anstrengender Reise ihre Pferde abschirrten, um in einem der zahlreichen Gasthäuser zu übernachten, oder wenn dort der Abt „Paradiesgericht“ hielt.



Eine Bauordnung schrieb damals schon eine einheitliche Grundstücksgröße vor und machte zur Auflage, dass alle Häuser mit ihrem Giebel Richtung Anger errichtet werden mussten. Drei große Brände sind schuld daran, dass man rund um den Dorfmittelpunkt heute nur noch wenige Fachwerkhäuser sieht; der jüngste ereignete sich 1926. Ursula Veltum kann aus der eigenen Familiengeschichte berichten, wie ihr Vater als Säugling vor den Flammen gerettet worden war.

Doch Rasdorf besteht nicht nur aus dem „Angerdorf“, sondern setzt sich zudem aus den weiteren typischen Formen „Straßendorf“ und „Haufendorf“ zusammen. Außerhalb des Angers, dessen früherer Zutrittsbereich durch einen steinernen Torpfosten markiert ist, finden sich zahlreiche Fachwerkhäuser: Ein Sockel aus Buntsandstein, detaillierte Schnitzereien und Schmuckpfosten weisen auf reiche Landwirte als Erbauer hin. „Steine, Eichenbalken, Stroh und sogar die Tonziegel stammten aus der Region“, erklärt Ursula Veltum vor einem besonders schmucken Gebäude. Auch der einzig erhaltene Dreiseithof des Dorfes zeugt von einstigem Wohlstand. Heute befindet sich dort an der Landstraße ein Laden für Wohn- und Gartenaccessoires sowie Antiquitäten. Zum Stöbern ist jetzt keine Gelegenheit; stattdessen kredenzt die Führerin beim Blick auf das mächtige Scheunentor einen Doppelkorn – das Getränk, mit dem früher beim Dreschen der Staub aus der Kehle gespült wurde.



Das älteste Fachwerkhaus Rasdorfs liegt außerhalb der 1,5 Kilometer umfassenden geführten Tour. 1594 wurde das Stiftsherrenhaus in der Großentafter Straße als Wohnhaus der Stiftsherren erbaut und beherbergte nach der Restaurierung 1996 ein Landschaftsinformationszentrum. Dieses ist mittlerweile geschlossen und das Gebäude als Bürokomplex vermietet. Die Landschaft des Hessischen Kegelspiels lässt sich nun alternativ nur noch auf einem der zahlreichen Wanderwege rund um Rasdorf erleben.

An der wohl berühmtesten Attraktion führt der Rundwanderweg 8 vorbei, nämlich an der Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha. Großer Beliebtheit erfreut sich auch der „Weg der Hoffnung“ beim Haus auf der Grenze mit seinen Kreuzweg-Skulpturen des Künstlers Ulrich Barnickel. Nicht zuletzt dank des Rhöner Wandertages, der vor zwei Jahren in Rasdorf stattgefunden hat, verzeichnet die Gemeinde ein verstärktes Interesse von Wandertouristen. Deshalb ist zusätzlich zu den Hochrhöner-Extratouren „Point-Alpha“ und „Kegelspiel“ gerade ein dritter Premiumwanderweg in der Umgebung mit der Bezeichnung „Rasdorfer“ in Planung, der dann auch mitten durch den Ort verlaufen soll.

Doch zurück zu unserem Spaziergang: Liegt es an den genossenen hochprozentigen Getränken, dass der Turm der Stiftskirche schief aussieht? „Nein“, beruhigt Ursula Veltum und listet einige von Experten vermutete Ursachen für die leichte Neigung des 49 Meter hohen Bauwerks auf. Von „Pisa“ geht es weiter nach „Klein-Venedig“: So nennen Einheimische den Bereich des Haufendorfes rund um die Kirche, das im Mittelalter entstanden ist, als arme Hüttner sich dort niederließen. Ursula Veltum freut sich schon darauf, wenn diese Stelle bald noch mehr an die italienische Kanalstadt erinnert: Denn der Goldbach, zurzeit verrohrt, soll in Kürze renaturiert werden und wieder offen fließen. Zu den Grundstücken der Anwohner werden dann Brückchen führen.

Bereits in diesem Jahr wird ein anderes Vorhaben umgesetzt, das die lange Liste der großen und kleinen Attraktionen Rasdorfs um einen Punkt erweitert: Für die Zeit vom 3. Dezember 2017 bis 6. Januar 2018 lädt der Pastoralverbund Hessisches Kegelspiel erstmals zu einem besinnlichen Adventsweg ein. Insgesamt 13 verschiedene Stationen mit Figuren aus der Weihnachtsgeschichte, Texttafeln sowie stimmungsvoller Beleuchtung sollen zum Innehalten und Sich-Zeit-Nehmen anregen. Kulisse des Adventsweges ist der Anger. Dort endet jetzt auch die Tour de Destille nach etwa zwei Stunden, fünf leckeren Spirituosen, unterhaltsamen Anekdoten und neugewonnenem Wissen mit der Einkehr in eine Gaststätte bei regionalen Spezialitäten und einem letzten „Rasdorfer“.



Schnapstouren
Wer die etwas andere Führung miterleben möchte, kann sich gerne bei der Gemeinde Rasdorf über nächste Termine informieren bzw. für eine Tour anmelden: Telefon (06651) 96010, E-Mail info@rasdorf.de, www.rasdorf.de

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