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Fotos: Alexander Mengel

Närrisches Fachwerkstädtchen

Artikel von Michelle Fiedler am 31.08.2017

Wasungen hält seinen Wurzeln und Traditionen die Treue

Im Werratal, eingebettet zwischen Rhön und Thüringer Wald, liegt die hübsche Kleinstadt Wasungen. Umgeben von einer sehr reizvollen Naturlandschaft hat sich das circa 3.500 Einwohner zählende Kleinod seine karnevalistischen Wurzeln und sein Erbe aus der Fachwerkbaukunst bis heute erhalten.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Städtchen 874. Zu dieser Zeit schenkte die Adlige Kunihilt ihren Besitz an das Kloster Fulda. Dazu zählten auch die Ländereien und Hörigen in „Vuasunga“, einem Agrardorf auf beiden Uferseiten der Werra. „Wasen“, von dem sich der Ortsname ableitet, ist althochdeutsch und bedeutet „feuchter Rasen“. Bis zur Entstehung der heutigen Stadt war es für den einstigen Marktflecken ein weiter Weg, auf dem es bedeutsame Unterstützung von der Grafschaft Henneberg erhielt.

Dies spiegelt sich auch auf dem Stadtwappen wider, in dem auch die schwarze Henne auf einem Dreiberg stehend dargestellt ist. Die Landesherren förderten gezielt die Stadtwerdung, sprachen 1301 sogar schon von einer Kleinstadt. 1308 erhielt die thüringische Stadt von Kaiser Albrecht I. die Stadtrechte. Im weiteren Verlauf des 14. Jahrhunderts entwickelte sich das städtische Erscheinungsbild mit Straßennetz und Stadtmauer.

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung und eine kulturelle Hochzeit erlebte die Stadt im 16. und frühen 17. Jahrhundert ihre erste Blütezeit. Darüber hinaus erreichte die Fachwerkbaukunst ihren künstlerischen Höhepunkt und die bedeutendsten historischen Baudenkmäler der Stadt entstanden. Die Zahl der Einwohner verdoppelte sich schnell. Erst der Dreißigjährige Krieg stoppte diese Entwicklung.

Bis in die Gegenwart erlebte die Kleinstadt stets Höhen und Tiefen: Von einer erneuten Blütezeit über eine anderthalbjährige Belagerung, von der Industrialisierung bis hin zur Verstaatlichung der Wirtschaftsbetriebe nach dem Zweiten Weltkrieg, die erst mit dem Mauerfall und der politischen Wende ein Ende fand. Seit 1990 wird nun der historischen Altstadt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So steht zum Beispiel der Stadtkern Wasungens als Flächendenkmal unter Ensembleschutz.



Die Gestalt der Altstadt prägen in Fachwerk errichtete stattliche Adelshöfe sowie stolze Bürgerhäuser. Und auch zahlreiche Bauten der neueren Zeit zeugen von Traditionstreue, indem sie typische alte Formen und Elemente „fränkisch-hennebergischer“ Fachwerkbauweise zeigen. Historisch besonders bedeutsam sind beispielsweise die Stadtmauer und die Pfaffenburg aus dem 14. Jahrhundert. Die Fachwerkhäuser des Marktplatzes wurden zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert erbaut. Eines davon ist das 1532/34 erbaute spätgotische Rathaus der Stadt, das die Architektur des Stadtzentrums beherrscht. Neben der zahlreichen Andreaskreuze oder den Viertelkreisstreben am Gebäude, ist in seinem Inneren der historische Ratssaal mit Vertäfelung aus dem 16. Jahrhundert sehenswert.

Eines der schönsten Gebäude der Kleinstadt ist das ehemalige Damenstift, das Bernhard Marschalk von Ostheim 1596 für verarmte adelige Damen errichten ließ. Besonders bemerkenswert sind hier die aufwendig gestalteten Hölzer und das Renaissance-Portal mit dem Wappen des Erbauers. Die aus der Erbauungszeit stammenden, kunstvoll gestalteten Stuckdecken im Inneren des Hauses sind ein wahrer Blickfang. Heute beherbergt das ehemalige Damenstift das Stadtmuseum und -archiv, das Thüringer Karnevalsmuseum und die Tourist-Information.



Weitere Zeugnisse der hiesigen Fachwerkbaukunst zeigen beispielsweise das Amtshaus, der Weyhenhof oder die Friedhofskirche St. Peter. Etwas außerhalb der Stadt liegt die mittelalterliche Burganlage der Burgruine Maienluft. Diese legten die Herren von Wasungen wahrscheinlich im 12. Jahrhundert an. Die Anlage überdauerte den Bauernkrieg, verlor um 1500 jedoch ihre militärische Funktion. Die Wehranlagen begannen zu verfallen. Daraufhin folgte die Umwandlung in eine landwirtschaftliche Domäne.

Heute kann man hier noch den Bergfried aus dem 13. Jahrhundert und die Reste der Umwehrung der Vor- und Hochburg sowie der ehemaligen Burgkapelle besichtigen. Die historischen Wirtschaftsgebäude aus dem 19. Jahrhundert – der Sachsen-Meininger Herzog hatte die Burg 1888 verkauft – dienen heute als Hotel und Restaurant. Von hier aus können Aktivurlauber auch dem Werra-Burgen-Steig in Richtung Breitungen oder Meiningen folgen. Daneben bieten der Werratal-Radwanderweg und das Wasserwandern an der Werra weitere Ausflugsmöglichkeiten.



Doch das Kleinod hat auch ein närrisches Gesicht. Es zählt zu den ältesten Karnevalsorten Deutschlands. Laut einer Stadtrechnung von 1524 bezahlte der damalige Bürgermeister Freibier für alle Tanzknechte der Fastnachtsspiele auf dem Markt. Heute ist das närrische Treiben weit über die Region hinaus bekannt und wird durch den Wasunger Carneval Club organisiert. Der Wasunger Karneval ist vor allem für seine Volkstümlichkeit bekannt, die sich das Städtchen bis heute bewahren konnte. Höhepunkt ist der große historische Festumzug, der alljährlich am Sonnabend vor Aschermittwoch stattfindet. Dann ziehen etwa 90 Umzugsgruppen, 10 Musikkapellen und Spielmannszüge mit rund 2.000 Mitwirkenden in einem zweistündigen farbenprächtigen Umzug durch die Straßen. Überall ertönt der Schlachtruf „Woesinge Ahoi!“



Das närrische Geschehen wird sowohl am Straßenrand als auch live am Bildschirm von mehreren tausend Zuschauern verfolgt. Auf den ersten Blick scheint der Wasunger Karneval also ziemlich ähnlich abzulaufen, wie in vielen anderen deutschen Karnevalshochburgen. Allerdings gibt es eine Reihe von Eigenheiten: In der Stadt im fränkisch geprägten Süden Thüringens regiert ein Prinz allein, dem nur zwei weibliche Pagen und sein närrisches Gefolge zur Seite stehen. Natürlich ist seine Identität bis zu Beginn seiner Regentschaft streng geheim. Die Amtszeit beginnt unmittelbar vor dem Festumzug am Karnevalssamstag und endet am 11.11. Das Motto der kommenden Session wird bereits zum Sommerfest der Karnevalisten im August gekürt. Dieses muss in Wasunger Mundart verfasst sein. Am 11.11. wird die Saison dann traditionell mit närrischen Taufen und Freibier aus dem Narrenbrunnen des Wasunger Carneval Clubs eröffnet.

Forstbotanischer Garten
Der Aufbau der Anlage begann 1974, um die große forstliche Tradition des Forstamtes zu bewahren und das Fehlen solcher Anlagen im Werratal und der Rhön auszugleichen. Auf circa 36 Hektar wachsen rund 1.800 Gehölze sowie 200 Gräser, Stauden und Farne aus der ganzen Welt. Besonderes Highlight ist das Rhododendrenblütenfest im Mai. Der Forstbotanische Garten kann ganzjährig besucht werden – der Eintritt ist kostenfrei.

Thüringer Karnevalsmuseum
Die erste Ausstellung wurde 2002 im ehemaligen Damenstift eröffnet und steht ganz im Zeichen karnevalistischen Brauchtums in Thüringen. Seither haben zahlreiche Vereine schriftliche und gegenständliche Zeugnisse zur Verfügung gestellt. Das älteste Stück ist von 1524. Die Ausstellung gliedert sich in vier Kategorien und widmet sich dem Ursprung des Karnevals mit den ältesten Vereinen, den Präsidententreffen zu DDR-Zeiten und heute, der Entstehung des Landesverbands Thüringer Karneval und den Bräuchen der thüringischen Narretei. Untertor 1, 98634 Wasungen, Öffnungszeiten nach Anmeldung unter Telefon (036941) 72129, www.karnevalthueringen.de

Kontakt
Tourist-Information Wasungen
Untertor 1/Damenstift
98634 Wasungen
Telefon (036941) 71505
info@wasungen.de
www.wasungen.de