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Fotos: Alexander Mengel

Mit buntem Schmuck ins Tal

Artikel von Sabine Kohl am 31.08.2017

Ein Besuch auf dem Viehabtrieb in Simmershausen

Simmershausen, ein knapp 600 Einwohner zählendes Örtchen im Dreiländereck zwischen Hessen, Thüringen und Bayern, wächst alle zwei Jahre auf das mehr als Zehnfache seiner Größe an. Von nah und fern strömen dann Tausende Besucher in den Ort, um dabei zu sein, wenn das Vieh von den Sommerweiden in den Stall getrieben wird.

Was im Allgäu nahe der Alpen in vielen Orten zum festen Brauchtum gehört, hat in Hessen Seltenheitswert: Nach einem langen Sommer auf der Alm werden Kühe, Rinder und Kälber ins Tal getrieben, um den Winter im warmen Stall zu verbringen. Verlief der Sommer ohne Unfälle und ist kein Tier gestorben, wird das gefeiert. Mit buntem Kopfschmuck und großen Glocken um den Hals ziehen die Tiere ins Tal. Dort werden sie von ihren dankbaren Besitzern in Empfang genommen.



Mit Almen kann die Rhön nicht aufwarten. Einige Weidemöglichkeiten bieten die oft sanft abfallenden Hänge im Land der offenen Fernen aber dennoch. Zum Beispiel den 745 Meter hohen Buchschirm bei Simmershausen. Viele Jahre haben die Simmershausener dort im Sommer ihr Vieh weiden lassen. Aber erst im Jahr 1989 kam der damalige Ortsvorsteher Heribert Stumpf auf die Idee: Warum nicht mal einen Viehabtrieb nach alpenländischem Vorbild organisieren? So etwas gab es in Hessen und der Rhön bis dahin noch nicht. Gesagt, getan und nicht lange hat es gedauert, bis das Fest – anfangs jährlich, seit 2009 alle zwei Jahre – seinen festen Platz im Rhöner Veranstaltungskalender gefunden hatte.

Als ich am Festsonntagsmorgen gegen neun in Simmershausen ankomme, scheint der Ort noch wie ausgestorben. Der einzige Hinweis darauf, dass dieser Sonntag anders ist: Man kommt nicht mehr in das Dorf hinein. Die Zufahrten sind bereits abgesperrt, umliegende Wiesen als Parkflächen ausgewiesen. Doch ich weiß, wo auch um diese Zeit schon etwas los sein wird. Und richtig, im dorfeigenen Backhaus herrscht bereits reges Treiben. Im Steinofen knistert ein munteres Feuer, die Backfrauen rund um Margarete Drott warten darauf, dass die Flammen zur Glut werden und der Ofen auf Temperatur kommt. „Die Steine im Dach des Ofens, dem Himmel, müssen weiß glühen. Erst dann ist die richtige Backtemperatur erreicht“, erläutert Franz Kirst, der an diesem Sonntag der Herr über das Feuer ist. Die Frauen dagegen werfen einen letzten prüfenden Blick auf die Ploatze: Kartoffel, Blaubeere und natürlich Zwiebel warten in langen Regalreihen darauf, in den Ofen zu wandern.



Lange halten werden die um die 50 großen, runden Fladen übrigens nicht. Als um 11 Uhr der Festbetrieb beginnt, strömen die ersten Besucher in den Ort. Und die haben Hunger. Kaum eine Stunde und von den Ploatzen ist kein Krümelchen mehr übrig. Ähnliches gilt für das Backhaus-Brot, das bereits am Vortag gebacken worden war. Rhöner Speisen und Rhöner Brauchtum – darum geht es beim Simmershausener Viehabtrieb. Dass dieses in der Region lebendig ist, zeigt der Volkstanz- und Trachtenverein Hilders. Als die Paare in schwarz-bunter Rhöner Tracht ihre Tänze präsentieren, ist rund um den Dorfplatz schon kaum noch ein Durchkommen – so viele Besucher schauen den Tänzern zu.

Ich ziehe mich deshalb dorthin zurück, wo es ruhiger ist: in die Wiesen außerhalb des Dorfes. Hier treffe ich die eigentlichen Hauptpersonen des Tages, die Kühe und Rinder. Große Herden sind es nicht mehr, die beim Rhöner Viehabtrieb ins Dorf getrieben werden. Eine Herde, die den Sommer auf dem Buchschirm verbracht hat, ist aber auch diesmal dabei. Einige Tiere haben Landwirte aus der Region für den Viehabtrieb nach Simmershausen gebracht. Nur Tiere, die Menschen gewöhnt sind und einen ruhigen Charakter haben, dürfen beim Festzug mitlaufen. Alles andere wäre bei Tausenden Besuchern in den engen Dorfstraßen zu gefährlich.



Das Risiko wollen die Veranstalter nicht eingehen. Trotzdem, die Tiere, die auf ihren großen Auftritt warten – darunter auch Ziegen, Schafe und Rückepferde – geben ein tolles Bild ab. Bella und Vroni etwa. Die beiden einjährigen, hellbraunen Rinder werden von ihren Besitzerinnen Leonie und Klara mit blütengeschmückten Bauchkränzen ausgestattet. Die Mädchen sind mit ihren Tieren zum ersten Mal beim Viehabtrieb dabei.

Routinierter ist da schon Florian Hick. Der Seifertser nimmt mit seinen Tieren zum dritten Mal teil. Deshalb weiß er: Kuh Bella (die Zweite) trägt ihren aufwändigen Kopfschmuck zwar gelassen, aber nicht gern zu lange. Deshalb wartet er mit dem Anbringen des Blumenkranzes noch etwas und bürstet stattdessen lieber noch ein wenig Bellas Fell. Schließlich soll die Kuh für ihren großen Auftritt gut aussehen. Die rund 6.000 Zuschauer, die zum Festzug die Simmershausener Straßen säumen, sind jedenfalls begeistert. Nicht nur den Tieren jubeln sie zu, sondern auch den Landfrauen, der Rhönklubjugend oder den „Brander Baasebaetschern“. Hier ist das Brauchtum noch lebendig.



Viehabtrieb 2017

In diesem Jahr findet der Rhöner Viehabtrieb in Simmershausen bereits zum 25. Mal statt. Am Sonntag, 24. September, beginnt der Festbetrieb um 11 Uhr. Im ganzen Dorf sind Verkaufsstände mit zum Beispiel Kunsthandwerk aufgebaut, die Backfrauen backen Ploatz und Brot, ab 12.30 Uhr zeigen auf dem Dorfplatz Trachtengruppen ihr Können und der Musikverein Simmershausen-Batten spielt auf. Der Höhepunkt des Tages, der Viehabtrieb mit großem Festzug, beginnt um 14 Uhr. Mehr Informationen unter www.viehabtrieb.de