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Fotos: Marzena Seidel

Vitaminbomben mit Mehrwert

Artikel von Christine Röhling am 31.08.2017

Die Streuobstwiese in Dörrensolz begeistert mit über 150 Apfelsorten

An einem kalten, verregneten Septembermorgen machen sich zahlreiche Menschen auf den Weg nach Dörrensolz, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Schmalkalden-Meiningen. Im Gepäck: Korb, Pflückstab, Handschuhe und natürlich wetterfeste Kleidung. Denn die Rhön zeigt sich mal wieder von ihrer rauen Seite: der Herbst ist da! Die knallig orangerot gefärbten Blätter der Bäume kündigen es an. Und auch die Äste der Obstbäume am Wegesrand und auf Streuobstwiesen biegen sich unter der Last ihrer Früchte.

Die Streuobstwiese in Dörrensolz, nahe Unterkatz in der thüringischen Rhön, ist schon etwas Besonderes: Über 290 Bäume wachsen hier – darunter mindestens 150 verschiedene, regionaltypische Sorten. Zu bestaunen gibt es auch eine Menge alter, längst vergessener Obstsorten, die schon lange nicht mehr im Einzelhandel angeboten werden.



„Wir haben einen großen Altbestand an Bäumen. Manche stehen schon über 50 oder 60 Jahre auf der Wiese und sind optimal an das Rhöner Klima angepasst. So können wir tatsächlich Sorten vorweisen, die nur hier aus der Region stammen“, erzählt Kerstin Döll vom Landschaftspflegeverband „BR Thüringische Rhön“. Gemeinsam mit Petra Ludwig, Geschäftsführerin des Verbands, ist sie früh aufgestanden, um die Ernte vorzubereiten und die vielen Helfer zu begrüßen. Seit 2010 ist die Streuobstwiese Eigentum des Landschaftspflegeverbands und wird von Kerstin Döll und ihren Kolleginnen betreut.

Gepflegt wird sie von einem Obstbauexperten. Er kümmert sich um den Schnitt der Bäume, die Mahd und um alles, was im Laufe der Jahreszeiten anfällt. Um nun aber zum einen auf die Bedeutung der Streuobstwiesen aufmerksam zu machen und zum anderen die Bewohner der Rhön an den wunderbar schmackhaften alten Apfelsorten teilhaben zu lassen, hat sich der Landschaftspflegeverband dazu entschieden, die Ernte für alle Interessierten öffentlich zugänglich zu machen. So ist jeder, der Lust und Zeit hat, eingeladen, nach Dörrensolz zu kommen, um sich mit einem eigenen Vorrat an leckeren Früchten einzudecken. Die Termine werden entweder in der Lokalzeitung oder auf der Website des Landschaftspflegeverbandes angekündigt.



Da die Obstwiese grundsätzlich für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, ist es nur an diesen Tagen möglich, das Obst zu ernten. Und tatsächlich haben einige sich nicht vom vielen Regen abschrecken lassen und den Weg in das thüringische Örtchen gefunden. Sehr zur Freude von Kerstin Döll. Und die Apfelfreunde kommen nicht nur aus der näheren Umgebung. Eine junge Frau ist aus Meiningen angereist. Eigentlich ist sie gegen die bekannten Äpfel aus dem Supermarkt allergisch, alte Sorten aber verträgt sie erstaunlicherweise, berichtet sie.

Dass Menschen mit einer Allergie auf die süß-saure Frucht reagieren, ist gar nicht so selten. „Das betrifft aber oftmals wirklich nur die Supermarktklassiker wie beispielsweise Jonagold oder Granny Smith. Alte Sorten wie Boskoop oder Prinzenapfel können hingegen ohne unangenehme allergische Reaktionen genossen werden“, weiß Kerstin Döll. Vermutlich ist dafür der hohe Polyphenolgehalt verantwortlich, der die allergenen Stoffe im Apfel unschädlich macht. An einer Auswahl alternativer Apfelsorten mangelt es der jungen Meiningerin auf der hiesigen Streuobstwiese jedenfalls nicht.



Neben der leuchtend roten Frucht kann man hier aber auch zahlreiche, zum Teil seltene Tiere beobachten. Gartenrotschwanz, Meise, Grünspecht oder Tagfalter Admiral fühlen sich auf der naturnahen Oase pudelwohl. Sie finden entweder einen geeigneten Brutplatz oder eine leckere Nahrungsquelle. Der Admiral zum Beispiel saugt liebend gerne an reifem Obst, während der Grünspecht hier erfolgreich auf Ameisenjagd geht. „Streuobstwiesen haben eine enorme Bedeutung für die Natur. Sie sind ein wichtiges Kulturgut, das zum einen typisch für die Rhön ist und zum anderen die breite Artenvielfalt sichert“, erzählt Petra Ludwig. Sie stellen sehr heterogene Lebensräume dar. Obstgehölze, Krautstrukturen, Totholzbestände und teilweise angrenzende Wälder bieten ganz verschiedenen Tier- und Pflanzenarten eine ideale Umgebung.



Deshalb ist es dem Landschaftspflegeverband ein großes Anliegen, die Obstwiesen zu erhalten und sie zu pflegen. „Auch erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit gehört dabei zu unserer Aufgabe. Denn wir wollen die Menschen in der Rhön für das Thema sensibilisieren und das Verständnis für die Natur fördern“, so Petra Ludwig, die seit 1993 hauptamtliche Geschäftsführerin des eingetragenen Vereins ist. Gemeinsam mit den Einheimischen die Äpfel zu ernten, sei da mit Sicherheit eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Dieses Jahr wird es aber leider keinen öffentlichen Erntetermin geben. Der Ertrag ist zu gering, der späte Frost im Frühjahr hat den Bäumen nicht gut getan. Doch im nächsten Jahr wird dies mit Sicherheit schon wieder anders aussehen – die alten Veteranen stehen schließlich schon seit Jahrzehnten an ihrem Platz und lassen sich so schnell nicht entwurzeln!

Kontakt
Landschaftspflegeverband „BR Thüringische Rhön“
Pförtchen 15
98634 Kaltensundheim
Telefon (036946) 20656
lpv.rhoen@t-online.de
www.lpv-rhoen.de

Landschaftspflegeverband „BR Thüringische Rhön“
Seit 1991 kümmert sich der eingetragene Verein um den Erhalt der biologischen Vielfalt und der Rhöner Kulturlandschaft in Thüringen. Einen großen Stellenwert hat dabei die Umsetzung von Landschaftspflege- und Naturschutzprojekten gemeinsam mit Landnutzern, -eigentümern und Kommunen. Aber auch Bildungsarbeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, hinsichtlich der Bedeutung von Natur und Landschaft und die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Ziele des Naturschutzes gehören zu den zahlreichen Aufgaben. Mehr Informationen zu den einzelnen Projekten gibt es unter www.lpv-rhoen.de