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Fotos: Marius Holler

Grenzenlose Rhön

Artikel von Marius Holler am 31.08.2017

Eindrucksvoller Blick zurück durch den eisernen Vorhang

Wenn es nach meinem Geburtsdatum geht, bin ich fast ein Revolutionär. Als 1989 in Ostdeutschland die friedliche Revolution begann, stand meine Wiege in Flieden. Und noch bevor ich in den Kindergarten kam, war das zweigeteilte Deutschland wiedervereint. Bei Mauern dachte ich eigentlich nur an Fußball und schoss mit dem Ball dagegen. Erst im Laufe meiner Schulkarriere wurde mir klar, welche Zäsuren Deutschland geprägt haben – auch in meiner Heimat. Denn auch die Rhön war einst zweigeteilt …



Ich begebe mich also auf eine ganz besondere Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, denn ich möchte die Rhön einmal aus einer neuen Perspektive entdecken.Als passionierter Mountainbiker liebe ich verständlicherweise ihre Berge und Täler. Geographie und die Biologie sind mir somit einigermaßen vertraut – zu Historie und Politik habe ich ein eher sprödes Verhältnis. Meine Tour beginnt deshalb auf vertrautem Terrain: Ich starte am Parkplatz Schwarzes Moor. Dort war ich schon oft, aber in Richtung Birx/Frankenheim habe ich meine Wanderung bisher noch nie fortgesetzt. Also kehre ich dem bekannten Moor den Rücken zu und laufe schnurgerade durch die offene Landschaft.

Schon nach nur kurzer Zeit taucht ein schmuckloser viereckiger Betonturm auf. Daneben schließen sich die Reste eines stählernen Zauns an. Aus der weichen Wiese, über die ich gehe, werden dort am Turm harte Betonplatten. Ich habe sie gefunden – die ersten Überbleibsel der innerdeutschen Grenze. Hier und da kann man die ehemaligen Beobachtungsposten als mahnende Zeitzeugen der deutschen Teilung noch in der Rhöner Landschaft ausmachen.



Schaue ich nach rechts, blicke ich auf Thüringen. Hinter mir liegt Bayern, links Hessen. Unmerklich spaziert man heute von einem Bundesland ins nächste, während sich noch vor drei Jahrzehnten genau hier Ostblock und Westen gegenüber standen. Wo einst die unüberwindbare Grenze verlief, erzählen die Menschen heute noch kleine Geschichten. Über Leute, die fliehen wollten, oder über Dörfer, die durch den Grenzverlauf einfach zerschnitten wurden. Die Einwohner wurden umgesiedelt, die Dörfer dem Erdboden gleich gemacht.

Ein sturer Rhöner Schäfer soll sich – den Erzählungen nach – einfach sein Gewohnheitsrecht herausgenommen und den zunächst noch unübersichtlichen Grenzverlauf ignoriert haben. Vom DDR-Gebiet kommend marschierte er mit seiner Schafherde über eine westliche Rhöner Wiese – um ein paar hundert Meter weiter wieder zurück nach Thüringen zu ziehen. Die Grenzsoldaten kannten ihn offenbar und ließen ihn gewähren.



Mit dem Auto mache ich noch einen Abstecher zu Point Alpha. Auf einem Hügel zwischen Rasdorf und Geisa liegt die Gedenkstätte. Im „Haus auf der Grenze“ besuche ich die sehr sehenswerte Dauerausstellung zur Geschichte des ehemaligen US-Beobachtungsstützpunktes. Etwa 40 Soldaten waren ab 1951 hier in den Baracken stationiert. Das 14. Panzeraufklärungsregiment hatte den Auftrag erhalten, die dortige Grenze zu überwachen und mögliche Angriffe des Warschauer Pakts aufzuklären, denn die Lage von Point Alpha war strategisch wichtig und brisant: Das so genannte Fulda Gap war eine von vier möglichen Einfallsschneisen der Roten Armee.

Der Weg zum Rhein und den Hauptstandorten der US-Armee war durch diesen Korridor am kürzesten. Ein amerikanisches Brettspiel gleichen Namens, das heute noch im Antikriegsmuseum in Berlin zu sehen ist, trägt den bezeichnenden Untertitel „the first battle of the next war“ (Die erste Schlacht des nächsten Krieges). Mit der Wiedervereinigung 1990 endete diese unmittelbare Gefahr – aber auch die Bedeutung des Standortes von Point Alpha. Die Grenze wurde nach und nach zurückgebaut. Nicht so an Point Alpha, denn hier entstand eine Gedenkstätte.



Die Reste von Stacheldrahtzäunen, Panzerblockaden und Überwachungstürmen, die überall stehen, lassen Geschichte spürbar werden. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie sich die Grenzbeamten hüben und drüben mit ihren Ferngläsern gegenseitig überwacht haben. Mein Blick schweift über das wunderschöne hessische Kegelspiel – im Sonnenuntergang reihen sich die Bergkuppen aneinander. Fast 40 Jahre lang war Deutschland geteilt. Der einstige Todesstreifen zwischen Travemünde und Hof entwickelte sich in dieser Zeit fast unbemerkt zu einer außergewöhnlichen Lebenslinie, denn auf dem 50 bis 200 Meter breiten Geländestreifen erhielt die Natur einen einzigartigen Schonraum.

Heute erstreckt sich das Grüne Band entlang des ehemaligen Grenzverlaufs – es ist ein einzigartiges Vorhaben mehrerer Bundesländer zum Naturschutz. Hier finden sich mehr als 1.200 seltene und gefährdete Pflanzen und Tiere. Etwa 250 Kilometer des 1.400 Kilometer langen Grünen Bandes verlaufen durch die Rhön, die seit 1991 länderübergreifend UNESCO-Biosphärenreservat ist. Mir wird klar: Mein Grenzweg durch die Rhön ist noch lange nicht zu Ende – hier gibt es für mich noch viel zu entdecken!

Premiumwanderweg
Der Premiumwanderweg Point Alpha (Rundtour über 14,6 Kilometer mit mittlerer Schwierigkeit) ist der ideale Einstieg für alle „Grenzgänger“. Durch das Grenzmuseum und den Weg der Hoffnung, den der Metallbildhauer Ulrich Barnickel – über diesen Künstler berichten wir in der Winter-Ausgabe – geschaffen hat, werden hier Natur, Geschichte und Kunst in einen einzigartigen Kontext gebracht.